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Bürgerbus sichert Senioren die Autonomie

aus der Stuttgarter Zeitung /Strohgäu Extra vom 16.08.2016:

Der Bürgerbus sichert Senioren die Autonomie

Seit 10 Jahren gibt es die Transportmöglichkeit für Ältere - die Stadt ist damit kreisweit Vorreiter

Von Philipp Obergassner

Freiberg/Neckar. Langsam lässt Gisela Kling den Bus an den Straßenrand rollen. Sie steigt aus
und hilft ihren Fahrgästen – überwiegend ältere Damen – beim Aussteigen
und reicht ihnen bei Bedarf den Rollator. „Jeden Tag eine gute Tat", sagt die Ehrenamtliche
und lächelt. Eigentlich wohnt siein Ludwigsburg, aber der Freiberger Bürgerbus
ist für sie eine Gelegenheit „etwas Guteszu tun", sagt sie. Es dauert ein wenig, bis
alle draußen sind, aber dann kann es weitergehen in Richtung Café. Es gibt etwas zu feiern:
Der Bürgerbus in Freiberg am Neckar wird zehn Jahre alt. Aus diesem Anlass hat
die Stadt die Fahrer und die Fahrgäste zu Kaffee und Kuchen eingeladen.


Der Bürgermeister Dirk Schaible nennt den Bürgerbus eine „Erfolgsgeschichte" und
begrüßt die Gäste: „Sie können sich als Könige fühlen mit einem eigenen Fahrer." Sonst hätten nur Präsidenten
und andere hochrangige Persönlichkeiten einen eigenen Chauffeur.


Vor zehn Jahren, im April 2006, nahm der Bürgerbus in Freiberg seinen Betrieb
auf. Eingesetzt wurde er auf Initiative von Schaibles Vorgänger Ralf Maier-Geißer.
Freiberg war damals die erste Kommune im Landkreis Ludwigsburg, die einen solchen
Beförderungs-Service für seine Bewohner einführte. Es folgten Korntal-
Münchingen im Jahr 2010, Ingersheim im Juni des vorigen Jahres und Marbach im
Oktober 2015. In den Gemeinden Tamm und Ingersheim ist die Einrichtung eines
Bürgerbus-Services geplant.


Als Pionier steht die Stadt Freiberg den Nachzüglern mit Rat zur Seite, Marbach
durfte sich den Freiberger Bus für die Testphase sogar ausleihen. In Baden-Württemberg
gibt es nach den Angaben der Nahverkehrsgesellschaft 49 Bürgerbus-Angebote.
Das Land fördert einen Bürgerbus seit dem Jahr 2013 mit Beträgen zwischen 20 000
und 30 000 Euro. Auch die Kosten für die Erstausstellung oder Erneuerung des Personenbeförderungsscheins
für die ehrenamtlichen Fahrer werden vom Land seit dem vorigen Jahr übernommen.
Die Idee hinter dem Bürgerbus-Konzept ist es, betagten Menschen möglichst
viel Mobilität und Selbstständigkeit zu ermöglichen. „Viele meiner Fahrgäste trauen
sich nicht mehr, den normalen Linienbus zu nehmen, weil sie so lange zum Einsteigen
brauchen", erzählt Gisela Kling. Doch ohne den Bus werde es schwer, zum
Einkaufen ins Zentrum zu kommen oder einen Arzt zu besuchen. Und nicht jeder
könne und wolle auf andere Familienmitglieder angewiesen sein.

Der Bürgerbus in Freiberg werde immer besser angenommen, sagt Bürgermeister
Schaible. Waren es im Jahr 2008 noch 2000 Fahrkarten, die gelöst wurden, steigerte
sich die Zahl der Tickets auf 3200 im vergangenen Jahr. Eine Fahrkarte kostet 50
Cent und ist damit für Senioren erschwinglich, die keine üppige Rente haben. Das
reicht zwar nicht für die Deckung der Kosten von Unterhalt und Sprit. Aber insgesamt
fährt die Stadt mit dem Angebot günstig: Die vier Fahrer sind allesamt Ehrenamtliche
und der Bus, ein Ford Transit, wird finanziert durch Werbeanzeigen örtlicher
Unternehmen – weswegen er ein wenig an eine fahrende Litfaßsäule erinnert.


Der Bürgerbus pendelt montags, mittwochs und freitags zwischen 9 und 12 Uhr
von Geisingen, Heutingsheim und Beihingen ins Zentrum und zurück. Bis zu acht
Haltestellen gibt es pro Stadtteil, oft an Orten, die der ÖPNV nicht abdeckt. Ein Bürgerbus
darf dem bestehenden ÖPNV-Angebot keine Konkurrenz machen, sondern
muss eine Ergänzung sein. Das Landratsamt spricht insofern ein Wörtchen mit,
wenn es um die Genehmigung geht. Die Fahrer müssen einen speziellen Führerschein
machen und alle fünf Jahre einen Gesundheitscheck, Sehtest und Reaktionstest
durchlaufen.


Einen anderen Weg geht die Stadt Remseck: Hier gibt es seit November 2015 einen
ehrenamtlichen Fahrdienst speziell für ältere Menschen. Im Unterschied zu den anderen
Kommunen war hier keine Genehmigung durch das Landratsamt nötig, da
der Bus nicht mehr als sechs Sitzplätze hat und der Fahrdienst kostenlos ist. Jeden
Mittwoch können Senioren bei der Aktion „Mensch zu Mensch" anrufen und eine
Fahrt für Freitag ausmachen. Den Bus leiht die Stadt von der Diakonie.
„Es läuft gut an, der Service spricht sich rum", sagt Horst Birkner, einer der ehrenamtlichen
Fahrer. Die Aktion war auf ein halbes Jahr befristet, der Gemeinderat entschied
sich dann, den Service dauerhaft mit 3000 Euro im Jahr zu unterstützen.
Freiberg/Neckar Seit zehn Jahren gibt es die Transportmöglichkeit für
Ältere – die Stadt ist damit kreisweit Vorreiter. Von Philipp Obergassner
Engagement am Lenkrad: die Bürgerbus-Fahrerin Gisela Kling Foto: factum/Granville